Reisebericht
Schnorcheln mit Schildkröten auf den Malediven, Rasdhoo
Zwei Meter unter mir kaut eine Schildkröte seelenruhig am Riff. Sie hebt kurz den Kopf, mustert mich, kaut weiter. Ich schwebe einfach da und schaue zu. Niemand ruft uns zurück aufs Boot, niemand drängelt, keiner sagt, dass wir nach dreißig Minuten raus müssen. Nur wir, das Riff und alle Zeit der Welt.
Aber der Reihe nach.
Es war unsere zweite Tour ab Rasdhoo, wieder über unser Hotel gebucht. Erster Halt: eine Sandbank, einfach mitten im Meer. Weißer Sand, ringsum nur Blau, und wir ganz allein. (Auf einer ähnlichen Sandbank in Ägypten standen mal zweihundert Leute. Hier: niemand.) Wir sind eine Weile geblieben, haben Fotos gemacht, die Füße im warmen Flachwasser, und einfach genossen.
Danach ging es weiter zu einem Riff, auch das mitten im Meer. Dort begann unsere Schnorcheltour, die ganze Zeit begleitet vom Tauchchef des Hotels. Der hat nicht nur auf uns aufgepasst und einen Rettungsring zur Sicherung hinter sich hergezogen. Er hat nebenbei richtig gute Fotos und Videos von uns unter Wasser gemacht, und die bekamen wir hinterher geschenkt. (In Ägypten habe ich für so etwas mal über hundert Euro gezahlt.)
Das Riff lag zwei bis fünf Meter unter uns, vielleicht zwanzig Meter breit, und fiel dann links und rechts steil ins Tiefblaue ab. Auf diesem schmalen, dafür endlos langen Band war alles versammelt: Fische in allen Farben und Formen, Moränen, die aus ihren Löchern schauten, Anemonen, Korallen. Dazwischen ein paar Schwarzspitzenriffhaie, vielleicht zwei oder drei in der ganzen Zeit. Meine neuen Freunde, wie ich sie inzwischen nenne (die Geschichte dazu steht in meinem ersten Hai). Auch sie machten wieder einen Bogen um uns. Die wollen nichts von uns, wir nichts von ihnen.
Und dann die Schildkröten. Bei der ersten war da nur Freude und Aufregung. In den anderthalb Stunden wurden es bestimmt zehn. Wir waren zu sechst und sind das lange Riff einfach in eine Richtung abgeschwommen, und immer wieder lag oder graste da eine. Stören ließen sie sich kein bisschen. Warum auch: Wir waren ja wieder ganz allein.
Wir haben zugeschaut, wie sie am Riff kauten. Manche kamen aus reiner Neugier näher. Wir haben versucht, Abstand zu halten, wie ich es immer mache, aber sie kamen trotzdem zu uns, und dann schwebten wir eine Weile nebeneinander. Zwischendurch gab es sogar kleine Rangeleien untereinander, vielleicht Streit ums beste Plätzchen.
Das Schönste an dem Tag war am Ende gar keine einzelne Schildkröte. Es war diese Ruhe. Alle entspannt, die Tiere, die Guides, wir. Keiner, der auf die Uhr sah, kein „in dreißig Minuten müssen wir raus”. Einfach in aller Ruhe im Wasser liegen, abschalten und genießen. Genau dafür fahre ich ans Meer.
Das größte Highlight des Tages war für unseren Sohn übrigens nicht mal das Wasser. Auf dem Rückweg durfte er das Boot steuern, die ganzen fünfundvierzig Minuten zurück zur Insel. Nur er und das Meer. Er erzählt bis heute mehr davon als von den Schildkröten. Das Hotel und die Crew: einfach super.
Und bald sind wir wieder da.
Dasselbe Riff, anderer Blickwinkel
Das Riff hat einen Namen, den ich damals noch nicht kannte: Turtle Reef, das Schildkrötenriff. Der Name hält, was er verspricht — aber er verschweigt die andere Hälfte. Auf demselben Band zogen an diesem Tag mehrfach Haie vorbei, und über sie habe ich einen eigenen Artikel geschrieben. Wer nur die Schildkröten erwartet, wird sich beim ersten Rückenflossen-Auftauchen erschrecken; wer es vorher weiß, schaut hin und schnorchelt weiter.
Ein praktischer Hinweis dazu: Es gibt auf den Malediven mehr als ein Turtle Reef. Ein zweites liegt vor Dhigurah, in einem anderen Atoll, mehrere Stunden entfernt. Beim Buchen also nach dem Atoll fragen, nicht nach dem Namen. Alle Messwerte dieser Stelle stehen auf der Inselseite zu Rasdhoo.
Warum sie sich nicht stören ließen
Rückblickend glaube ich, dass die Ruhe an diesem Tag weniger mit den Tieren zu tun hatte als mit uns. Wir waren zu sechst auf einem langen Riff, verteilt, ohne Zeitdruck. Niemand schwamm einer Schildkröte hinterher, weil niemand musste — es kam ja alle paar Minuten die nächste.
Wie es sich anfühlt, wenn dieses Verhältnis kippt, habe ich später bei einer Walhai-Tour ab Dhigurah erlebt: fünfzig Schnorchler auf ein Tier. Das Tier war großartig, der Rest eine Menschenwand. Und an einem Bootsstopp mit angefütterten Ammenhaien kippte es in die andere Richtung — dort waren nicht zu viele Menschen das Problem, sondern zu viel Futter.
Schildkröten habe ich später auch anderswo getroffen, etwa vor Mauritius. Der Unterschied war nicht die Tierart, sondern wie viel Zeit man bekommt.
Was ich mitgenommen habe
Die anderthalb Stunden am Stück sind der eigentliche Luxus dieser Tour. In Ägypten war ich Stopps von dreißig Minuten gewohnt, mit Blick auf die Uhr. Hier hat uns niemand zurückgerufen — und genau dadurch wurde aus „eine Schildkröte gesehen” ein Nachmittag, an dem man ihnen beim Fressen zuschaut.
Viel braucht es dafür nicht. Meine Ausrüstung ist schlicht, und für ein Riff, das zwei Meter unter der Oberfläche beginnt, reicht sie völlig. Wie die ganze Woche auf Rasdhoo und Fulidhoo ablief, steht im Reisebericht; alle Inseln und Jahreszeiten im Reiseziel-Blatt Malediven.
Ein Hinweis für die Planung: Die Sicht am Turtle Reef schwankt über den Tag deutlich — vormittags rund fünfundzwanzig Meter, nachmittags eher fünfzehn. Für Schildkröten spielt das keine Rolle, sie sind ohnehin dicht unter einem. Für Aufnahmen schon. Die Messwerte je Spot stehen auf der Inselseite Rasdhoo.
Gut zu wissen: Schnorcheln mit Schildkröten bei Rasdhoo
- Wo: Bootstour ab Rasdhoo (Rasdhoo-Atoll, Malediven), organisiert über unser Hotel, das Summer Vibes Beach Front. Erst eine Sandbank, dann ein Riff mitten im Meer.
- Bedingungen (April 2025): 29 Grad Wassertemperatur, über 20 Meter Sicht, beim Schnorcheln um die 5 Meter Wassertiefe. Werte aus meinem Logbuch.
- Das Riff: heißt Turtle Reef (SSI-Spot Nr. 530005) und liegt an der Ostseite des Atolls zwischen Madivaru und Veligandu. Es beginnt zwei bis fünf Meter unter der Oberfläche, ist schmal (etwa zwanzig Meter), aber sehr lang und fällt beidseitig steil ab. Ideal für Schnorchler.
- Was du siehst: Schildkröten (bei uns rund zehn in anderthalb Stunden), dazu Moränen, Anemonen, Korallen, jede Menge Fische und vereinzelt Schwarzspitzenriffhaie.
- Begleitung: Bei uns ein Tauchchef mit Rettungsring zur Sicherung, der nebenbei Fotos und Videos machte, kostenlos. Frag beim Hotel danach.
- Abstand halten: Nichts anfassen, den Tieren ihren Raum lassen — sie nehmen Schaden, und man selbst auch: Ein bedrängtes Tier reagiert unberechenbar, und am Riff nesseln Feuerkorallen. Wenn eine Schildkröte von selbst näher kommt, einfach ruhig schweben und entspannen.
- Nicht verwechseln: Es gibt ein zweites Turtle Reef vor Dhigurah, in einem anderen Atoll. Beim Buchen nach dem Atoll fragen, nicht nach dem Namen.
- Rechne mit Haien: Auf demselben Riff ziehen Schwarzspitzenriffhaie vorbei, bei uns zwei oder drei in anderthalb Stunden. Wer das vorher weiß, erschrickt nicht — mehr dazu in Turtle Reef: Wo Haie auftauchen.
- Zeit ist der Unterschied: anderthalb Stunden am Stück statt der halben Stunde, die ich aus Ägypten kannte. Frag beim Buchen nach der Dauer und der Gruppengröße.