Reisebericht
Mit Schildkröten schnorcheln auf Mauritius, Turtle Point
Das Wasser ist so flach, dass ich beim Schwimmen aufpassen muss, mit den Flossen nicht den Sand aufzuwirbeln. Und dann ist sie einfach da: eine große Meeresschildkröte, keine Armlänge unter mir, das Sonnenlicht zeichnet helle Netze auf ihren Panzer. Sie gleitet über den hellen Grund, völlig unbeeindruckt davon, dass ich neben ihr herschwimme.
Anfang Februar waren wir auf Mauritius, am Turtle Point (SSI-Spot Nr. 107293). Gebucht hatten wir eine Bootstour, die diesen Namen kaum verdient: Das Boot brachte uns zuerst hinter die Wellenbrecherkante, vielleicht zweihundert Meter vom Strand. Dort durften wir zehn Minuten schnorcheln, dann hieß es zurück an Bord. Das Boot fuhr wieder Richtung Strand und schickte uns fünfzig Meter vor dem Ufer erneut ins Wasser. Erst da, quasi in Sichtweite der Handtücher, wartete die Schildkröte. Ehrlich gesagt: Das Boot hätte man sich sparen und direkt vom Strand zu ihr schnorcheln können.
Warum die Schildkröten hier so flach stehen
Mauritius ist von einem durchgehenden Riff umschlossen. Zwischen diesem Riff und dem Strand liegt eine Lagune, und die ist flach, ruhig und fast ohne Strömung — genau die Bedingungen, die Meeresschildkröten mögen. Ihre Futterplätze sind die Seegraswiesen im flachen Wasser, und satt wird man dort nicht draußen an der Kante, sondern drinnen über dem Sand.
Für Schnorchler ist das ein Glücksfall. Man braucht kein Boot und keinen Tauchschein, um so einem Tier zu begegnen. Zwei Meter Wasser reichen, und die Sicht in der Lagune war bei uns mit rund zwanzig Metern so gut, dass man eine Schildkröte schon von weitem als dunklen Fleck über dem hellen Grund erkennt. Was die Lagune sonst noch hergibt — und was eben nicht — habe ich in Schnorcheln vom Strand in Flic en Flac aufgeschrieben; alle Monate mit Wassertemperaturen stehen auf dem Reiseziel-Blatt Mauritius.
Eine Schildkröte, sehr viele Schnorchler
Und es war genau eine Schildkröte. Entsprechend viele Schnorchler versammelten sich um dieses eine Tier. Der Schildkröte machte das erstaunlich wenig aus, sie hatte Platz und ließ sich nicht drängen. Nur schöne Aufnahmen waren in dem Gewusel nicht zu machen. Ein anderes Erlebnis als an unserem einsamen Riff bei Rasdhoo auf den Malediven, wo wir mit rund zehn Schildkröten ganz für uns schnorcheln konnten.
Der Unterschied liegt nicht am Tier, sondern am Platz. Am Turtle Reef bei Rasdhoo treibt man über einer langen Riffkante mitten im Meer, und die Tiere verteilen sich über hunderte Meter. Am Turtle Point steht eine Schildkröte in einer Lagune, fünfzig Meter vor einem gut besuchten Strand. Dass da Betrieb ist, ist keine Überraschung — man sollte nur damit rechnen.
Also haben wir das Einzige getan, was in so einem Moment Sinn ergibt: Wir haben die Schildkröte in Ruhe gelassen und uns vom Trubel entfernt. Zehn Minuten später tauchte sie von ganz allein neben mir und meiner Frau auf. Kein Gedränge mehr, kein Wettschwimmen um die beste Position. Nur sie, das flache Wasser über dem hellen Sand und wir zwei. So entstanden die Bilder in diesem Artikel — nicht, weil wir ihr nachgeschwommen sind, sondern weil sie zu uns kam.
Das Titelbild oben stammt aus genau diesen ruhigen Minuten: die Schildkröte dicht über dem Sand, das Lichtspiel auf dem Panzer, und niemand, der sich um sie drängt.
Weggehen ist die bessere Taktik
Das ist die eine Lehre aus diesem Vormittag, und sie hat sich seitdem an jedem Riff bestätigt: Wer sich aus einem Pulk löst, sieht mehr.
Ein Tier, das von acht Leuten umringt wird, tut nichts weiter als weiterfressen oder wegschwimmen. Es kann gar nicht anders. Nimmt man sich heraus und wartet zwanzig, dreißig Meter weiter über dem Sand, passiert oft genau das, was am Turtle Point passiert ist: Das Tier entscheidet sich selbst für die ruhige Ecke — und man ist der Einzige, der dort schon liegt.
Dasselbe gilt für die Bilder. In der Menge bekommt man Rücken, Flossen und aufgewirbelten Sand ins Bild. Allein bekommt man das Tier. Es ist die geduldigere Variante, und sie kostet nichts außer zehn Minuten.
Am Turtle Point geht das noch, weil das Wasser flach ist und man sich einfach ein Stück absetzen kann. Es gibt Stellen, an denen das nicht mehr funktioniert. Ein halbes Jahr später war ich bei einer Walhai-Tour im Wasser, bei der fünfzig Schnorchler gleichzeitig hinter einem einzigen Tier her waren — dort hilft kein Absetzen mehr, dort ist der ganze Platz voll. Der Unterschied zwischen den beiden Vormittagen war nicht das Tier, sondern wie viel Wasser drumherum frei blieb.
Welche Schildkröten hier leben
In den Lagunen von Mauritius trifft man vor allem Grüne Meeresschildkröten, daneben Karettschildkröten. Die beiden sind gut auseinanderzuhalten: Die Grüne hat einen runden, stumpfen Kopf und weidet Seegras, die Karettschildkröte einen spitzeren, schnabelartigen Kopf, mit dem sie zwischen Korallen nach Schwämmen sucht.
Beim Schutzstatus gehen die beiden weit auseinander. Die Grüne Meeresschildkröte gilt nach jahrzehntelangen Schutzerfolgen inzwischen als weniger gefährdet, die Karettschildkröte bleibt vom Aussterben bedroht. Das ist kein Beiwerk für den Artikel, sondern der Grund, warum Abstand und Ruhe an so einer Stelle keine Höflichkeitsfrage sind.
Wichtig ist vor allem der freie Weg nach oben. Eine Meeresschildkröte muss zum Atmen an die Oberfläche, und wer zwischen ihr und dem Licht schwimmt, macht ihr genau das schwer. Wer über oder neben ihr bleibt und nicht hinterherschwimmt, stört sie nicht — das haben wir an diesem Vormittag gesehen, und auf den Malediven später noch einmal.
Zum Vergleich mit dem Riff, das ich als Maßstab im Kopf hatte: Am Turtle Reef bei Rasdhoo lag die Sicht vormittags bei rund fünfundzwanzig Metern — hier in der Lagune waren es zwanzig, und der Grund war Sand statt Riff.
Wann man für Schildkröten hinfahren sollte
Wir waren Anfang Februar da, und das war für die Tiere selbst kein schlechter Zeitpunkt: Schildkröten fressen ganzjährig in den flachen Seegraswiesen, sie ziehen nicht weg. Was sich über das Jahr ändert, ist das Wasser drumherum.
Im Februar hatte es 27 Grad — das wärmste des Jahres — und die Lagune lag still. Dafür ist es das Zyklonfenster: Rund siebzig Prozent aller Zyklone der Insel fallen auf Januar bis März. Unsere eigene Bootstour zum angeblich besten Schnorchelplatz der Insel wurde deshalb abgebrochen.
Die klarere Zeit liegt am anderen Ende des Jahres. Von September bis Dezember hat Mauritius die besten Sichtweiten, und Oktober bis Dezember ist warm genug, ohne schon mitten im Zyklonfenster zu liegen. Für eine Schildkröte im flachen Wasser reicht die Februar-Sicht von zwanzig Metern völlig; wer aber auch das Riff draußen sehen will, fährt besser im Frühsommer. Die Monate im Einzelnen, mit Wassertemperaturen und Quellen, stehen auf dem Reiseziel-Blatt Mauritius.
Gut zu wissen: Schildkröten am Turtle Point (Mauritius)
- Wo: Turtle Point (SSI-Spot Nr. 107293) auf Mauritius, an der Westküste — die Stelle steht mit ihren Messwerten auf der Ortsseite Flic en Flac. Die Schildkröten-Stelle liegt nur rund fünfzig Meter vor dem Strand im flachen Lagunenwasser — eine Bootstour braucht es dafür genau genommen nicht.
- Bedingungen (Februar 2026): 27 Grad Wassertemperatur, 20 Meter Sicht, am Riff 2 bis 3 Meter Wassertiefe, im tiefen Wasser um die 8 Meter. Werte aus meinem Logbuch.
- Warum ausgerechnet hier: Das durchgehende Riff um Mauritius schließt eine flache, strömungsarme Lagune ein. Die Seegraswiesen darin sind Futterplätze — mehr dazu auf dem Reiseziel-Blatt Mauritius.
- Welche Arten: vor allem Grüne Meeresschildkröten, daneben Karettschildkröten. Die Grüne gilt inzwischen als weniger gefährdet, die Karettschildkröte bleibt vom Aussterben bedroht.
- Wenn viele Schnorchler da sind: dem Tier Raum geben und sich vom Pulk entfernen. Bei uns kam die Schildkröte danach von selbst, und die Begegnung war so viel schöner als jedes Gedränge.
- Verhalten im Wasser: nicht hinterherschwimmen und nichts anfassen. Die Tiere brauchen außerdem freien Weg nach oben, denn zum Atmen müssen sie an die Oberfläche.
- Beste Reisezeit: September bis Dezember hat Mauritius die klarste Sicht, Oktober bis Dezember die beste Mischung aus Wärme und Sicht. Januar bis März ist das Zyklonfenster.
- Was die Lagune sonst hergibt: wenig Riff, viel Sand — nachzulesen in Schnorcheln vom Strand in Flic en Flac.
- Zum Vergleich: unser Vormittag mit rund zehn Schildkröten am Turtle Reef bei Rasdhoo auf den Malediven, und was am selben Riff sonst noch vorbeizog: Haie am Turtle Reef.
- Ausrüstung: In der flachen Lagune reichen Maske, Schnorchel und Flossen. Womit ich unterwegs bin, steht in meiner Ausrüstungsliste.