Reisebericht
Ras Mohammed tauchen ohne Tauchschein: mein Erlebnis
Einer aus unserer Familie taucht seit Jahren, hat mehrere Scheine — und die ganze Reise über hatte er nur diesen einen Wunsch: einmal im Leben einen Napoleonfisch sehen. Er hat ihn so oft erwähnt, dass wir irgendwann alle mitgefiebert haben. Merk dir diesen Wunsch. Er wird gleich wichtig.
Oktober 2025, Scharm El-Scheich. Mein erstes Mal Ägypten, mein erstes Mal Rotes Meer. Getaucht bin ich zum ersten Mal 2010 in Thailand, seither immer wieder — bis Juli 2026 durchweg ohne Tauchschein, so wie an diesem Tag. Alle hatten vom Roten Meer geschwärmt, jeder kannte jemanden, der nicht mehr aufhören konnte davon zu erzählen. Ich wollte mich einfach überraschen lassen.
Der Oktober war für uns die passende Reisezeit: das Wasser noch badewannenwarm, die Sonne nicht mehr so brutal wie im Hochsommer. Und weil Ehrlichkeit hier zum Programm gehört, muss auch das gesagt werden: Es ist voll. Die guten Riffe und die Naturschutzgebiete sind schlicht überlaufen. Beschweren darf ich mich darüber nicht — ich war ja selbst einer von den viel zu vielen Touristen. Aber wer vom einsamen Riff träumt, sollte das vorher wissen.
Das Highlight unserer Woche war die Bootstour zum Ras Mohammed, dem Nationalpark an der Südspitze des Sinai. Schon die Fahrt dorthin ist ihr Geld wert: links die knochentrockene Wüste, karg und staubig bis zum Horizont — und direkt daneben das Meer in allen Blautönen, von Türkis über Azur bis zu diesem tiefen, satten Dunkelblau, in dem man die großen Geschichten vermutet. Dieser Kontrast lässt einen an der Reling nicht mehr los. Trockener kann Land nicht sein, lebendiger kann Wasser nicht sein, und dazwischen liegt genau eine Bootsplanke.
Auf dem Boot konnten wir spontan Tauchgänge dazubuchen — ohne Tauchschein, den hatte ich damals noch nicht. Kein Problem, hieß es, und bei den Instructoren habe ich mich tatsächlich vom ersten Moment an gut aufgehoben gefühlt. Dann geht alles ganz schnell: Ausrüstung an, Maske auf, rein.
26 Grad warmes Wasser, die Sicht bei rund 20 Metern. Kein Kälteschock, kein Zögern — das Meer nimmt dich einfach auf. Mein Atem wird ruhig und langsam, sobald ich unter der Oberfläche bin. Das Wasser ist der Ort, an dem ich am wenigsten Hektik verspüre — und genau deshalb bekomme ich dort so viel mit.
Wir tauchen am Riff direkt hinunter, und obwohl ich ganz ruhig bleibe, weiß ich nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Überall bunte Fische, dazwischen Korallen in allen Formen und Farben, die die Wand bedecken. In den Spalten lauern Feuerfische, die Flossen gespreizt wie Fächer — wunderschön und mit Ansage.
Auf achtzehn Metern öffnet sich dann der Grund: heller Sandboden, so weit das Auge reicht, immer wieder unterbrochen von einzelnen Korallenblöcken. Und man sieht WEIT hier unten. Plötzlich ist da Raum, und am Rand dieses Raums ziehen die größeren Fische vorbei — die Sorte, bei der man ganz von selbst noch stiller wird, um nichts zu verscheuchen. Wir tauchen durch Spalten im Riff, halten kurz für Fotos an, tauchen weiter. Ich hätte ewig so weitermachen können; meine Flasche hätte es vermutlich mitgemacht.
Und dann ist er da.
Groß, ruhig, mit diesem unverwechselbaren Buckel über den Augen schiebt er sich aus dem Blau. Beim allerersten Tauchgang, als hätte er den Wunsch gehört. Er zieht an uns vorbei, ohne Eile, als wüsste er genau, dass er hier die Hauptrolle spielt.
Ich schaue zu dem, der sich das seit Jahren wünscht. Man sieht durch eine Maske nicht viel vom Gesicht, aber genug. Wir strahlen unter den Masken um die Wette, und niemand rührt sich, damit der Moment bleibt.
Manche Wünsche brauchen Jahre. Dieser hat genau einen Tauchgang gebraucht.
Solche Momente kann man nicht buchen. Bei mir war es der erste Hai vor Rasdhoo auf den Malediven, bei ihm dieser Napoleon — und beide kamen, als niemand mehr damit rechnete.
Ras Mohammed — die Eckdaten
| Wo | Nationalpark an der Südspitze der Sinai-Halbinsel, Ägypten |
| Zugang | nur per Bootstour, Start in Scharm El-Scheich |
| Wann wir dort waren | Oktober 2025 |
| Wasser | 26 °C |
| Sicht | rund 20 Meter |
| Tiefe im Tauchgang | bis 20 Meter; auf 18 Metern öffnet sich heller Sandboden |
| Tauchen ohne Schein | auf dem Boot spontan dazubuchbar |
| Gesehen | Napoleonfisch, Feuerfische, Korallenwand in voller Besetzung |
| Auch zum Schnorcheln | ja — ein Riff mitten im offenen Meer |
Wassertemperatur, Sicht und Tiefe aus meinem Logbuch.
Was „Tauchen ohne Tauchschein” praktisch heißt
Weil das die Frage ist, mit der die meisten hier landen: Es geht, es ist auf dem Boot spontan buchbar, und es kostet keine Vorbereitung. Was man dafür aufgibt, ist Bewegungsfreiheit.
Der Ablauf war denkbar kurz: Ausrüstung an, Maske auf, rein. Keine Trockenübung, keine Theorie. Ein Instructor bleibt neben dir und hält dich am Arm oder an der Flasche — die ganze Zeit. Auf 20 Meter kommt man damit trotzdem.
In Thailand lief das anders. Dort mussten wir vor dem ersten Tauchgang zehn Minuten Sicherheitsübungen machen — danach durfte ich mich frei bewegen, solange ich nah bei unserer Tauchlehrerin blieb. Das gab mir ein gutes Gefühl. Mir war die Thailand-Variante lieber: Festgehalten zu werden ist sicher gut gemeint, aber schön ist anders.
⚠️ Wer zum ersten Mal runtergeht, empfindet das vermutlich umgekehrt — für den ist die enge Führung genau richtig.
Schnorcheln geht hier genauso
Man muss nicht tauchen, um den Ras Mohammed zu erleben. Auf derselben Bootstour konnte man an einem Riff mitten im offenen Meer schnorcheln — ringsum nur Blau, darunter das Riff voller Fische. Für viele ist das der bessere Teil des Tages, und er kostet keine Überwindung.
Das Riffdach liegt flach genug, dass man von oben alles mitbekommt. Welche Riffe rund um Sharm El Sheikh sich sonst lohnen und wie die Einstiege sind, steht in der Übersicht der vier Riffe; wann im Jahr sich die Reise lohnt, im Reiseziel-Blatt Rotes Meer.
Die Grundregel gilt hier unten wie überall: nichts berühren und Abstand halten. Das schützt beide Seiten. Korallen wachsen jahrzehntelang und zerbrechen in einer Sekunde, und Feuerfische wie Feuerkorallen wehren sich, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Wie sich das gegen andere Ziele anfühlt
Ich war vorher in Thailand tauchen und auf den Malediven schnorcheln. Der Unterschied zum Roten Meer ist nicht die Schönheit — sondern was einem begegnet.
Schildkröten zum Beispiel: Am Riff vor Rasdhoo haben wir in anderthalb Stunden etwa zehn gezählt. In Ägypten war es in einer ganzen Woche genau eine.
Ägyptens Riffe sind genauso bunt wie die maledivischen. Auf den Malediven sind nur die Tiere größer. Den Walhai vor Dhigurah oder die Haie am Turtle Reef bei Rasdhoo gibt es im Roten Meer in dieser Form nicht — dafür kommt man hier ohne Fernreise hin, und das Riff steht direkt vor der Tür.
Was den Andrang angeht, war Ägypten übrigens nicht der Höhepunkt. Wie sehr Gedränge ein Erlebnis verändern kann, habe ich erst bei der Walhai-Tour vor Dhigurah verstanden.
Ein Wort zur Kamera
Meine GoPro 10 kam ab fünfzehn Metern nicht mehr mit: Das Rot verschwindet zuerst, viele Farben bleiben oben. Sie war damals schon ein älteres Modell — nach diesem Urlaub bin ich auf die Insta360 umgestiegen. Womit ich heute unterwegs bin, steht bei meiner Ausrüstung.
Fürs Schnorcheln in zwei bis fünf Metern spielt das keine Rolle — dort reicht auch eine ältere Kamera. Erst in der Tiefe wird der Unterschied sichtbar.
Ras Mohammed — kurz & praktisch
- Wo: Nationalpark Ras Mohammed, an der Südspitze der Sinai-Halbinsel — Tagesausflüge per Boot starten in Scharm El-Scheich (Ägypten, Rotes Meer).
- Wann wir dort waren: Oktober 2025 — 26 Grad Wassertemperatur, rund 20 Meter Sicht, mildere Sonne. Für uns als Schnorchel- und Tauchtouristen die angenehmste Kombination. Werte aus meinem Logbuch.
- Tauchen ohne Schein: Auf unserer Bootstour direkt buchbar, bis 20 Meter, mit enger Begleitung (wörtlich: man wird anfangs an der Hand gehalten). Wer vorher Grundübungen machen durfte, bewegt sich freier — beides haben wir erlebt.
- Auch ohne Tauchen: Auf derselben Tour kann man an einem Riff im offenen Meer schnorcheln. Welche Riffe sonst lohnen, steht in der Riff-Übersicht.
- Riff-Knigge: nichts berühren, Abstand halten — dem Riff zuliebe und der eigenen Haut.
- Ehrlich gesagt: Die bekannten Riffe sind stark besucht. Die Unterwasserwelt ist es trotzdem wert — nur das „einsame Paradies” darfst du nicht erwarten.